Manche Tiere existieren nur bayerischen Gasthäusern, andere nur in der Sprache. Eine Expedition in ein Tierreich, das die Zoologie nicht kennt.
Wunderliche Wesen aus Bayern
Im Sommer war ich in Bayern wandern. In vielen Gasthäusern kann man dort Wolpertinger bewundern. Einer steht sogar im Haus der Bayerischen Geschichte. Der Wolpertinger, so erfahren die Ausstellungsbesucher*innen, ernährt sich von „preußischen Weichschädeln“ – man ahnt es bereits: Der Wolpertinger ist ein Fabelwesen. Niemand dürfte je einen lebendigen gesehen haben. Ausgestopfte Wolpertinger erfreuen sich dagegen großer Beliebtheit. Im 19. Jahrhundert begannen Tierpräparatoren, die Körperteile verschiedener Tiere zusammenzusetzen und an gutgläubige Touristen zu verkaufen. Der Wolpertinger im Haus der Bayerischen Geschichte hat den Kopf eines Bibers, die Hörner eines Rehbocks und die Füße einer Ente.
Wolpertinger der Sprache
In Bayern bringt nicht nur die Tierpräparation, sondern auch die Sprache eine neue Spezies hervor: den Saubären, wohl eine Kreuzung aus Schwein und Bär. Vor zwei Jahren stand das Wort im Mittelpunkt eines Rechtsstreits und einer lebhaft geführten öffentlichen Debatte. Einer Busfahrerin wurde vorgeworfen, einen Schuljungen als „Schwein“ beschimpft zu haben – was eine handfeste Beleidigung und damit strafbar wäre. Tatsächlich aber hatte sie ihn „Saubär“ genannt, was die Sache erheblich verkomplizierte. Eine standardsprachliche Übersetzung von Saubär wäre wohl Schweinigel. Wer Schweinigel sehen will, braucht nur einmal in eine Berliner U-Bahn zu steigen. Da sitzen eigentlich immer ein paar Schweinigel, die mit ihren Schuhen die Sitze beschmutzen.
Goldige Spezies
Viele Tiere sind der Zoologie unbekannt, in unserem Wortschatz jedoch fest verankert. Besonders liebenswerte Züchtungen der deutschen Sprache sind etwa der Mausebär und der Schmusebär. Beide Kosewörter eignen sich gleichermaßen für Kinder und Geliebte. Ambivalenter ist der Frechdachs – einerseits verhält er sich ungehörig, andererseits nimmt man ihm dies nicht allzu übel. Wer ein Kind „Frechdachs“ nennt, hat ihm seine Frechheit im Grunde schon verziehen. Auch einem Dreckspatzen kann man wegen seiner fehlenden Reinlichkeit nicht wirklich böse sein – anders als dem Schmierfinken, der kaum besser ist als der Schweinigel.
Spaß oder Beleidigung?
Die meisten Tiere, die nur in der Sprache existieren, sind negativ konnotiert. Doch wie der Streit um das Wort Saubär zeigt, ist nicht immer leicht zu entscheiden, ob eine Beleidigung vorliegt. Bordsteinschwalbe ist etwa eine spöttische, aber noch vergleichsweise freundliche Bezeichnung für Sexarbeiterinnen. Eher scherzhaft als bösartig ist auch das Wort Schnapsdrossel, das Personen bezeichnet, die allzu gern hochprozentigen Alkohol konsumieren. Das männliche Pendant zur Schnapsdrossel ist übrigens der Schluckspecht. Wer sich gern in den Vordergrund drängt, muss sich mitunter vorwerfen lassen, eine Rampensau zu sein. Mindestens ebenso unsympathisch: der Neidhammel, der anderen nichts gönnen kann, der Bürohengst, dessen Schreibtisch sein ganzer Kosmos ist, und die Zimtzicke, auch Gewitterziege genannt, die immerzu Streit sucht.
Der Pleitegeier
Und schließlich ist da noch der Pleitegeier, Symbol eines drohendes Bankrotts. Auch der Bundesadler, das Wappen der Bundesrepublik Deutschland, wird insbesondere in wirtschaftlich schlechten Zeiten, wenig patriotisch, als Pleitegeier tituliert. Mit dem Geier der Vogelwelt hat der Pleitegeier nichts zu tun. Der Ursprung des Wortes liegt im Jiddischen, einer Sprache, die jahrhundertelang in weiten Teilen Europas von Jüdinnen und Juden gesprochen wurde: pleyte geyer („Pleitegeher“) ist das jiddische Wort für Bankrotteur. So hat der Pleitegeier in der sprachgeschichtlichen, aber nicht in der ornithologischen Literatur seinen Platz. So ein Unglücksrabe!
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Cover image: EM80