Die großen und die kleinen Bühnen
Berlin ist die Stadt der großen Bühnen. Wir haben die Staatsoper und die Deutsche Oper, das Berliner Ensemble, die Schaubühne und das Deutsche Theater. Kennt man. Außerdem haben wir das Artenschutz-Theater, das Haus der Sinne und das Verlängerte Wohnzimmer, nicht zu vergessen die Mulackei und die Baiz. Kennt man eher nicht. Sollte man aber kennen! Denn Berlin ist nicht nur die Stadt der großen, sondern auch der kleinen Bühnen.
Open Mics
Fröhlicher Dilettantismus gedeiht nirgends besser als bei Open Mics, auch Open Mikes oder Open Stages genannt, Veranstaltungen, bei denen alle, die wollen, mitmachen können. Und wer da nicht alles mitmachen will! Ich selbst moderiere einen Open Mic im Haus der Sinne und lerne immer wieder Genres kennen, von denen ich vorher nichts wusste.
Ein Open Mic gleicht einer Wundertüte: Man weiß nie genau, was einen erwartet. Ob Teenagerinnen mit tiefen Gefühlen und hohen Stimmen über die Liebe singen oder ein Comedian derbe Witze reißt, ob junge Lyrikerinnen den Zustand des Planeten beklagen oder alte Sänger den Zustand ihrer Gelenke, ob Zauberer, Jongleurinnen, Pianistinnen oder Drag Queens ihre Künste präsentieren – das ist bei vielen Open Mics reine Glücksache. Andere geben zumindest das Genre vor, etwa Comedy. Doch ob man bei einem Comedy Open Mic Altherrenwitze oder Internet-Humor, private Anekdoten oder politische Satire zu hören bekommt, weiß man erst, wenn man im Publikum sitzt. Nicht anders verhält es sich mit musikalischen Open Mics: Ob sie mit Jazz oder Rock, Folk oder Hip Hop aufwarten, lässt sich schwer vorhersagen. Gut möglich, dass von allem etwas dabei ist.
Lesebühnen
Meine Lieblingsveranstaltungen sind Lesebühnen. Alle Lesebühnen haben einen harten Kern aus vier bis sechs Schriftsteller*innen, die sich zusammengetan haben, um regelmäßig ihre Texte vorzutragen. Sie treffen sich in Bars oder Kulturzentren (die Übergänge sind in Berlin fließend) und geben zum Besten, was sie in letzter Zeit zu Papier gebracht haben. Meist stellen sie dem Publikum außerdem Gäste vor, die mit ihnen auftreten: dichtende, singende, tanzende, zeichnende Kolleg:innen.
Es gibt alteingesessene Lesebühnen wie die Brauseboys, die seit 2003 allwöchentlich auf der Bühne stehen, die Reformbühne Heim & Welt, die sich 1995 gegründet hat, oder den Frühschoppen, der die Berliner Kleinkunst bereits seit 1990 bereichert. Und obwohl Lesebühnen noch nie lukrativ waren und das Publikum spätestens seit der Corona-Pandemie meist überschaubar ist, gründen sich immer neue Lesebühnen. Erst dieses Jahr aus der Taufe gehoben wurde zum Beispiel die Lesebühne Billiger als Kino. Gemein sind den alten und den neuen Lesebühnen sehr günstige Eintrittspreise sowie eine Menge Spontanität, Improvisation und Selbstironie.
Poetry Slams
Wer das Spektakel genauso liebt wie die Literatur, wird bei den zahlreichen Poetry Slams in Berlin auf seine Kosten kommen. Ein Poetry Slam ist ein moderner Dichter:innen-Wettstreit, bei dem die Auftretenden um die Gunst des Publikums werben. Sie müssen ihre Texte selbst geschrieben haben, dürfen keine Kostüme oder Requisiten benutzen und haben ein Zeitlimit zwischen sechs und sieben Minuten einzuhalten. Ansonsten ist alles erlaubt. Entsprechend vielfältig sind Poetry Slams. Von Herzschmerz bis Science Fiction kann alles dabei sein. Sehr viele Texte sind autobiographisch – doch manche Poet:innen beschreiben ihr Leben mit einem Augenzwinkern, andere mit Pathos, manche tun es in schlichter Prosa, andere in waghalsigen Reimen.
Die meisten Berliner Poetry Slams werden von den Kollektiven Kiezpoeten und Kunst und Krawall ausgerichtet – an allen möglichen und unmöglichen Orten. Ich selbst habe als Poet schon am „Tag des Friedhofs“ in einem Krematorium gelesen. Vor einigen Wochen war ich zum „Müllfest am Leopoldplatz“ eingeladen, einer Veranstaltung der Berliner Stadtreinigung. Weitaus glamouröser geht es im Ballhaus Wedding zu. Ganz und gar nicht glamourös, aber immer spaßig ist der Eagel Slam in Moabit. Ein bisschen stolz bin ich auf den Slam des Westens, den ich seit einigen Monaten moderieren darf und der bald seinen 15. Geburtstag feiert. Außerdem wären da noch… - ach nein, sie lassen sich nicht aufzählen, all die charmanten Slams, die Berlin zu bieten hat.
Klar ist jedenfalls: In einer so kreativen Stadt wie Berlin ist Kleinkunst eine ganz große Sache!
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Samson Völk - jonassamson.de