Schon vor hundert Jahren zog Berlin queere Personen magisch an. Unter ihnen waren die beiden schwulen Schriftsteller Christopher Isherwood und Klaus Mann.
Wo jeder Monat Pride Month ist
Rund um den Nollendorfplatz ist der Juni ein Monat wie jeder andere. Pride Month? Na und? Regenbogenfahnen wehen hier das ganze Jahr über vor Bars und Cafés – und vor den Geschäften für Fetisch-Artikel und der queeren Buchhandlung Prinz Eisenherz sowieso. In Berlin ist jeder Monat Pride Month.
Schon in den 1920er Jahren war die Stadt eines der queeren Zentren Europas. Das Tanzlokal Eldorado begeisterte ein großes Publikum mit Travestie-Shows. Zu den Stammgästen zählte der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld, der das Spektrum sexuellen Begehrens und geschlechtlicher Identitäten an seinem Institut für Sexualwissenschaft erforschte – stets in der Absicht, dadurch zur Gleichberechtigung Homosexueller beizutragen. Per scientiam ad justitiam, durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit – das war sein Lebensmotto.
Christopher Isherwood – auf der Suche nach Sex und Inspiration
Zu den Gästen des Instituts für Sexualwissenschaft gehörte der britisch-amerikanische Schriftsteller Christopher Isherwood. In seiner Autobiographie erinnert er sich fasziniert an das Institutsmuseum: „Da gab es Peitschen, Ketten und Folterwerkzeuge, die für praktizierende Schmerzliebhaber bestimmt waren; hochhackige, reich verzierte Stiefel für die Fetischisten; spitzenbesetzte Damenunterwäsche, die wild-männliche Preußenoffiziere unter ihrer Uniform getragen hatten.“ 1929 kam Isherwood im Alter von 25 Jahren nach Berlin. Am meisten zog ihn das schwule Leben der Stadt an: „Für Christopher war Berlin gleichbedeutend mit ‚Jungs‘“, schreibt er gleich zu Beginn seiner Autobiographie Christopher and His Kind (1976). Eine (sehr freie) deutsche Übersetzung des Titels lautet nicht umsonst: Willkommen in Berlin (2014). Die nervöse Metropole bescherte Isherwood schließlich nicht nur diverse Liebschaften, sie inspirierte ihn auch zu seinem Welterfolg Leb wohl, Berlin (1939), der Grundlage des Musicals Cabaret (1972), dessen Inszenierung im Tipi am Kanzleramt in den letzten 20 Jahren über 300.000 Zuschauer*innen besucht haben.
Klaus Mann – ein enfant terrible erkundet Berlin
Ein weiterer Schriftsteller, der das queere Leben Berlins in den 1920er Jahren eingehend erkundete, war Klaus Mann, Sohn des berühmten Schriftstellers Thomas Mann. Dieser war ganz und gar nicht begeistert davon, dass Klaus und seine Schwester Erika als Jugendliche heimlich einen Trip nach Berlin machten, der, nun ja, unkonventionell verlief, wie sich Klaus Manns Autobiographie Kind dieser Zeit (1932) entnehmen lässt: „[W]ir kamen […] in ein Lokal, wo Jünglinge miteinander tanzten. Daß es so was gab, fanden wir toll; und nun gar das fette alte Ungeheuer, das in Damenkleidern drollige Strophen zum Vortrag brachte. Sündiger und widerlicher könnte nichts mehr sein, es war wirklich ganz herrlich!“ In Berlin spielt auch Der fromme Tanz, der erste deutschsprachige Comingout-Roman, mit dem der 19-jährige Klaus Mann 1926 Furore machte. Seinen Protagonisten Andreas lässt er die Liebe zu einem Mann ohne Scham oder Selbsthass reflektieren: „Andreas gab sich dieser Liebe ganz hin, die er nicht als Verirrung empfand. Ihm kam es nicht in den Sinn, sie vor sich zu leugnen, sie zu bekämpfen als ‚Entartung‘ oder als ‚Krankheit‘. Diese Worte berührten die Wahrheit so wenig, sie kamen aus anderer Welt.“
Das Ende der Freiheit
Dennoch: Es waren ebendiese Worte, die den Diskurs über Homosexualität lange dominierten. Und es blieb nicht bei Worten. 1933 zerstörten die Nationalsozialisten das Institut für Sexualwissenschaft. Queere Vergnügungsstätten wie das Eldorado mussten schließen. Christopher Isherwood verließ Berlin. Magnus Hirschfeld und Klaus Mann gingen ins Exil. Andere passten sich den neuen Machthabern an, wieder andere fielen ihnen zum Opfer. An die homosexuellen Opfer der NS-Diktatur erinnert am Nollendorfplatz seit 1989 ein steinernes rosa Dreieck – eine Anspielung auf den „rosa Winkel“, den schwule KZ-Insassen an ihrer Kleidung tragen mussten. Ein Denkmal zur Erinnerung an die im Nationalsozialismus ermordeten Homosexuellen wurde 2008 im Tiergarten eingeweiht. Nachdem es immer wieder zu Anschlägen auf das Denkmal kam, wird es heute videoüberwacht. Auch das gehört zur Wahrheit Berlins, der Stadt, in der jeder Monat Pride Month ist.
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Photos by Karl Kelschebach