Berlins Märkte sind so vielfältig wie die Stadt selbst. Eines aber haben sie gemein: Sie bedeuten ein Stück Lebensqualität.
Nur bei Oma und Opa
Viele kennen das: dieses eine Essen aus der Kindheit, das es nur bei Oma und Opa gab. Bei mir hieß dieses Essen „Reisfleisch“. „Reisfleisch“ war ein Eintopf aus Hackfleisch, Reis und riesigen Mengen Gemüse, die so lange gekocht wurden, bis nur noch Brei übrig war. Raffiniert schmeckte das nicht – aber irgendwie nach heiler Welt. Für meine Großeltern schmeckte es wahrscheinlich nach der Welt des Wirtschaftswunders, der ökonomischen Blüte, die Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte. In dieser Zeit hatte meine Urgroßmutter einen Gemüsestand auf dem Markt, wo sie Paprika, Auberginen und Zucchini verkaufte – damals exotische Spezialitäten in Deutschland. Was auf dem Markt keine Abnehmer*innen fand, wurde zu Hause zu „Reisfleisch“ verkocht.
Meine Mutter wird bis heute nostalgisch, wenn sie vom Marktstand ihrer Oma erzählt. Neben ihrem Schreibtisch hängt ein Foto, auf dem meine Urgroßmutter einen Gemüsekorb präsentiert – der, so wird in meiner Familie erzählt, in Wirklichkeit längst nicht so prächtig aussah wie auf dem Foto, das am Ende eines guten Verkaufstages geknipst wurde, als das meiste Gemüse längst in den Einkaufskörben der Kundschaft gelandet war. Für einen Topf „Reisfleisch“ hätte das an jenem Tag übriggebliebene Gemüse jedenfalls nicht mehr gereicht.
Ein Stück Lebensqualität
Ich selbst bin kein guter Verkäufer. Als Schüler pries ich einen Sommer lang Erdbeeren an – nicht auf dem Markt, sondern an einem Verkaufsstand am Straßenrand. Nur alle paar Stunden verirrte sich jemand dorthin. Ich langweilte mich fürchterlich, und wenn doch einmal eine Kundin kam, verrechnete ich mich vor lauter Begeisterung beim Wechselgeld. Die Liebe meiner Mutter zum Wochenmarkt aber teile ich. Die Farben, die Gerüche, das Stimmengewirr – herrlich! Viele Marktstände sind wie begehbare Stillleben der niederländischen Alten Meister: bunte Fülle, leuchtender Überfluss – und hier und da ein Memento mori in Form eines gammeligen Apfels.
Der Wochenmarkt ist für viele Menschen in Deutschland ein Stück Lebensqualität. Hier kaufen sie hochwertige Produkte von regionalen Händlern und genießen vielleicht noch eine Tasse Kaffee mit Freund*innen. Der Wocheneinkauf als Freizeitvergnügen – das setzt auf vielen Märkten einen gut gefüllten Geldbeutel voraus.
Der Genter Wochenmarkt
Doch es gibt auch günstige Märkte. Aus Lokalpatriotismus führe ich als Beispiel den Genter Wochenmarkt an, einen winzigen Markt im Wedding. Er ist ein bisschen schmuddelig, doch hat er auch seine pittoresken Ecken, in denen man beispielsweise alte Kartoffelsorten, Nüsse und ganz fantastische eingelegte Gurken kaufen kann. Vor allem aber bekommt man für ein paar Euro bergeweise frisches Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch und Oliven.
Auf dem Genter Wochenmarkt begreift man auch schnell, was es mit dem wenig schmeichelhaften Wort „Marktschreier“ auf sich hat, denn die Angebote werden in ohrenbetäubender Lautstärke angepriesen. Auf den meisten Märkten in Deutschland ist das Ausrufen der Ware verboten. Ob es auf dem Genter Markt erlaubt ist? Keine Ahnung. Im Wedding haben wir halt Anarchie. Wer ein Kilo Tomaten für einen Euro will, muss das aushalten können.
Märkte aller Art
Neben Wochenmärkten für Lebensmittel gibt es in Berlin auch Flohmärkte, also Märkte, auf denen Privatpersonen Kleidung, Einrichtungsgegenstände, Geschirr, Küchenzubehör, Bücher, Kunstwerke und vieles mehr second hand anbieten. Ihren Namen verdanken die Flohmärkte den Flöhen, die man früher in den dort feilgebotenen Textilien vermutete. Flohmärkte ziehen „Schnäppchenjäger“ an, Leute, die auf besonders günstige Angebote aus sind – und meist gern bereit, um die Ware zu feilschen, also ausgiebig über den Preis zu verhandeln. Der bekannteste Berliner Flohmarkt dürfte der Flohmarkt im Mauerpark sein. Wo früher die Berliner Mauer verlief, werden heute Gebrauchtgegenstände, aber auch Mode, Schmuck, Design und Street Food vertrieben.
Als ob das nicht genug wäre, kommen in der Osterwoche auch noch die Ostermärkte dazu. Ostermärkte sind so etwas wie die kleinen Geschwister der Weihnachtsmärkte, die im Dezember Millionen von Besucher*innen anziehen. Auf Ostermärkten wird der Frühling gefeiert – mit lokalen Spezialitäten, Kunsthandwerk und Osterhasen in allen Formen, Farben und Größen.
Vielleicht besuche ich nächste Woche das Osterfest der „Hellen Mitte“, einen Ostermarkt in Hellersdorf mit Bierausschank, Fahrgeschäften und Bühnenprogramm. Oder ich sehe mir den historischen Ostermarkt in Spandau an, wo sogar ein Ritterturnier stattfinden wird. Oder noch besser: Ich gehe einfach auf den Genfer Wochenmarkt, kaufe für ein paar Euro einen Berg Gemüse und versuche, daraus „Reisfleisch“ zu machen.
Wir von All on Board wünschen euch allen frohe Ostern!
Want more Karl? Visit our YouTube channel here!