Längst hat das Fahrrad Berlin erobert: Der Drahtesel wurde zum edelsten Ross des Großstadtverkehrs.
Überallhin mit dem Rad
Zur Schule ging’s für mich meistens mit dem Fahrrad. Zur Theatergruppe fast immer. Zum Jugendtreff immer. Und dass man zu Freunden oder an den See anders als mit dem Fahrrad gelangen konnte, lag schlicht außerhalb meines Vorstellungsvermögens. Ich bin in Oldenburg aufgewachsen, einer idyllischen Stadt in Norddeutschland, wo es mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht weit her ist. Aber wer braucht schon einen Bus? Man hat ja das Fahrrad!
Keine Nostalgie
Das mag nostalgisch klingen, aber ich will ehrlich sein: Ich hab’s gehasst! Der Wind blies immer, wirklich immer aus der falschen Richtung. Mindestens einmal pro Woche hatte ich einen Platten, den ich meistens erst bemerkte, wenn ich ganz schnell irgendwohin musste und beim besten Willen keine Zeit für die Launen meines Fahrrades hatte. Also musste ich meine Mutter bitten, mir ihres zu leihen – ein Hollandrad der Marke Gazelle. Aufgrund ihres Gewichts hieß die Gazelle in der Familie allerdings Rhinozeros. Während mich das Rhinozeros durch Oldenburg trug – peinlich, hoffentlich sah mich niemand, solche Fahrräder fuhren sonst nur uralte Frauen wie meine Mutter! –, quälte mich der Gedanke daran, später mein eigenes Fahrrad flicken zu müssen. Hatte ich nicht schon Dutzende, Hunderte, Tausende Stunden meiner Jugend an diesen verdammte Drahtesel verloren?
Auch ganz schlimm: Fahrradhelme! Mit fast religiösem Eifer predigten die Erwachsenen, dass Fahrradhelme Leben retteten, obwohl sie selbst nicht einmal einen besaßen. Absolut niemand, der cool war, trug mit dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahren noch einen Fahrradhelm. Natürlich nicht: Man schwitzte ganz fürchterlich darunter, der Riemen scheuerte an der Haut und man sah aus wie ein Idiot.
Überall Fahrräder
Für mich stand fest: Nach der Schule musste ich raus aus diesem verdammten Nest, wo es keine U-Bahnen, keine S-Bahnen und in der Nacht, wenn das Leben interessant wird, nicht einmal Busse gab! Wie war doch Fahrradfahren provinziell! Das Odeur aus Abfall, Schweiß und Pisse, das die Berliner U-Bahnhöfe erfüllt, erschien mir ungleich frischer als der verhasste Fahrtwind. Zwischen Taubenkacke und Zigarettenstummeln auf eine überfüllte S-Bahn zu warten, fühlte sich so urban an!
Aber ach! Plötzlich fahren alle um mich herum wieder Fahrrad! Ich verstehe die Welt nicht mehr.
In chicen Altbauwohnungen hängen seit ein paar Jahren Rennräder an der Wand, als handelte es sich bei ihnen um besondere Schmuckstücke. Kostbarkeiten sind sie wohl tatsächlich. Ein eigentlich bescheidener Freund prahlt mit seinem Peugeot-Rad wie mit einem Ferrari. Eine Bekannte fährt ein Fahrrad, das fatal an das Rhinozeros meiner Mutter erinnert, und ist dabei irgendwie ziemlich cool. Eine Kollegin schwärmt von einem Fahrrad aus den den 1940ern, das sie auf dem Flohmarkt erstanden hat. Damals habe man in den Deutschland noch Fahrräder zu bauen gewusst! Die Kollegin ist doch eine linke Feministin – wie passt das zusammen? Ein befreundetes Paar hat gerade ein Kind bekommen und diskutiert über die Anschaffung eines Lastenrades, in dem sowohl das Kind als auch der Wochenendeinkauf Platz findet. Falls sie für einen Wochenendeinkauf nach dem Kauf des Lastenrades überhaupt noch Geld haben: Neu kosten die Dinger zwischen 3000 und 5000 Euro!
Bessere Luft, weniger Lärm – und nicht einmal teuer
Was ich aber am wenigsten begreife: Die Leute tragen jetzt Fahrradhelme! Freiwillig! Obwohl sie erwachsen sind! Zugegeben: Die Helme sehen nicht mehr so übel aus wie in meiner Kindheit. Es gibt schnittig-sportive Modelle, es gibt Modelle mit japanischen Kirschblüten auf blauem Grund, es gibt Modelle ohne scheuernde Riemen – aber come on: Es sind immer noch Fahrradhelme! Ja, sicher, Fahrradhelme retten Leben – aber ist das wirklich ein Argument? Na ja. Vielleicht. Okay, ich geb’s zu.
Und dass ein Auto viel teurer ist als ein Fahrrad, teurer sogar als ein Lastenrad, gebe ich auch zu. Frischere Luft, weniger Lärm – ja, doch, der Fahrradverkehr in der Stadt hat Vorteile. Irgendwann werde ich sie anerkennen. Die Politik ist da hoffentlich ein bisschen schneller als ich und treibt den Ausbau von Fahrradstraßen voran – im Sinne einer klimafreundlichen Verkehrswende, von der die ganze Stadtgesellschaft profitiert. Doch bevor ich mir ein Fahrrad und einen Helm zulege, warte ich noch ein paar Jahre auf U- und S-Bahnen. Das bin ich meinem Teenager-Ich schuldig.
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photo: Antonio Cansino