Überall in Berlin finden sich Zettel mit Botschaften aller Art. In ihnen offenbart sich der Charakter der bunten Metropole.
Die Pizzeria des Grauens
Einerseits ist es ja schön, dass diese Billigpizzeria in meiner Nachbarschaft beharrlich der Gentrifizierung trotzt. Solange sich so ein Laden im Kiez hält, werde auch ich mir die Miete hier leisten können. Einerseits. Andererseits trete ich auf den fünfzig Metern zwischen jener Pizzeria und meiner Wohnung verdächtig oft in Erbrochenes. Der Pizza-Belag darin ist normalerweise noch deutlich zu erkennen: meist Salami oder Thunfisch, manchmal auch Broccoli. Der Nachbar, der ins Treppenhaus kotzte, hatte offensichtlich Nudeln mit Pilzsauce bestellt. Seufzend stieg ich über seine Hinterlassenschaft.
Ein gelbes Zettelchen
Am nächsten Tag lag neben der gräulichen Pfütze ein gelbes Zettelchen mit der handgeschriebenen Aufforderung: „Mach deinen Dreck weg! Wie asozial kann man sein?“ Das half: Dreck und Zettelchen verschwanden noch am selben Tag. Ein anderes gelbes Zettelchen klebte am Briefkasten eines Nachbarn, der zu lautstarken Wutausbrüchen neigt: „Schließen Sie Ihr Fenster, wenn Sie einen Ihrer Anfälle haben. Ihre Nachbarn möchten das nicht hören.“
Willkommen im Wedding!
Zettel dieser Art sind in Berlin schon lange beliebt. Der in meinem Kiez lebende Satiriker Heiko Werning erzählt in seiner Kurzgeschichte Zettelwirtschaft, wie er seinen ersten Berliner Zettel fand: „Am Tag meines Einzugs […] hing ein DIN-A4-Blatt unten im Treppenhaus, auf dem in irritierend sauberer Schönschrift, so eine 14-jährige Mädchen-Handschrift, zu lesen war: ‚An die Arschlöcher, die immer ihren Müll aus dem Fenster werfen: Wenn ich Euch erwische, schlage ich Euch die Fresse ein!!!‘ Orthographisch fehlerfrei, die Anrede regelgerecht mit Großbuchstaben am Wortanfang, das ganze Werk in dickem schwarzen Edding, in scharfem Kontrast dazu ‚Arschlöcher‘ und ‚Fresse‘ sowie die abschließenden drei Ausrufezeichen mit himmelblauem Filzstift gemalt – eine kleine, kunstvolle Kalligraphie. Was für eine Begrüßung im neuen Heim. So ging Weddinger Willkommenskultur im Jahr 1999.“
Eine Bastion analoger Schriftkultur
Man könnte meinen, dass Nachbarschafts-Chatgruppen auf WhatsApp oder telegram die Kommunikation per Zettel längst abgelöst hätten – doch dem ist nicht so. Das Zettelschreiben hört einfach nicht auf. Vielleicht, weil die Verfasser*innen von Zettel-Botschaften anonym bleiben können. Vielleicht, weil die Adressat*innen an einem ganz bestimmten Ort erreicht werden sollen – an den Altpapiertonnen, vor den Briefkästen, im Innenhof. Vielleicht aus ästhetischen Gründen: Oft finden sich neben der Botschaft kleine Zeichnungen, zudem verraten die eingesetzten Farben und das Schriftbild einiges über den emotionalen Zustand, in dem der Zettel beschrieben wurde.
„Notes of Berlin“
Die Initiative „Notes of Berlin“ sammelt Fotos von Berliner Zetteln. Über 55.000 Fundstücke hat sie bislang auf ihrem Blog notesofberlin.com und verschiedenen Social Media Kanälen zugänglich gemacht. Dabei unterscheidet sie zwischen nicht weniger als 18 Kategorien von „Notes“ – denn nicht nur an ihre Nachbar*innen wenden sich die Bewohner*innen der Hauptstadt mit ihren Notizen, sondern auch an unbekannte Übeltäter, die ein Blumenbeet zerstört oder ein Fahrrad gestohlen haben, an Fremde, in die sie sich in der U-Bahn verliebt haben, an Barbesucher*innen, die sie vor defekten Toiletten warnen, an Passant*innen, die sie einladen, sich aus einer der berüchtigten „Zu verschenken“-Kisten zu bedienen, oder an die potentiellen Finder*innen ihrer Katze, ihrer Zähne, ihres Dildos.
Berliner Alltagskultur
„Die Notizen sind wie die Menschen, die hier leben: direkt, laut, kreativ, tolerant, freiheitsliebend, skurril, einsam, romantisch und definitiv nicht auf den Mund gefallen. Und die Themen, die kommuniziert werden: Pure Alltagskultur in ihrer reinsten Form“, schreibt Joab Nist, der Gründer von „Notes of Berlin“. Wenn wieder mal ein gelbes Zettelchen im Hausflur auftaucht, das den Choleriker aus dem ersten Stock oder ein Opfer der benachbarten Pizzeria zurechtweist, werde ich künftig lächeln und mir sagen: „Pure Alltagskultur in ihrer reinsten Form!“
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Karl Kelschebach