Das Verb steht im Hauptsatz auf Position II und im Nebensatz am Ende – sonst droht Anarchie! Außer manchmal.
Vor zwei Monaten haben wir hier einen Text über Kleinkunst veröffentlicht. Eigentlich hätten wir dabei Noah Klaus erwähnen müssen. Er macht Poetry Slam. Weil aber Poetry Slam eine brotlose Kunst ist, verdient er sein Geld mit Deutschunterricht. Deshalb handeln seine originellsten Texte von Grammatik.
Einer trägt den Titel Kann man darauf sitzen. Darin beschreibt Noah, wie er mit seinem Freund Ahmed einen Spaziergang im Park macht. Als sie sich auf eine Bank setzen wollen, prüft Ahmed mit dem Finger, ob sie auch nicht zu nass ist. „Kann man darauf sitzen“, stellt er zufrieden fest – und bei diesem Satz erwacht Noahs „innerer pedantischer Deutschlehrer“. Das Verb am Anfang? In einem deutschen Hauptsatz? Undenkbar! Noah kann gar nicht anders als den Freund zu korrigieren. Ahmed aber behauptet, auch die Deutschen würden ihre Sätze manchmal mit dem Verb beginnen. Der Deutschlehrer ist entsetzt: „‚Was?‘, frage ich, ‚wo hast du denn gehört? Welcher tumbe Hornochse erlaubt es sich, diese altehrwürdige Sprache dermaßen zu verschandeln? Und dann…‘ Und dann… fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Überall hat er das gehört. Überall.“
Wahrscheinlich ist Ahmed literarische Fiktion. Sätze, in denen das Verb zuerst kommt, sind es nicht. In der Linguistik gibt es ganze Doktorarbeiten über sogenannte V1-Sätze.
V1-Stellung im Nebensatz
Im Nebensatz drängt sich das Verb eher selten an die vorderste Stelle – aber manchmal tut es das eben doch, vor allem in der geschriebenen Sprache, in der konditionale, konzessive und konfrontative V1-Nebenätze vorkommen. Am häufigsten sind die konditionalen. Die V1-Stellung hat hier die gleiche Funktion wie die Konjunktionen wenn oder falls:
Fällt euch die V1-Stellung schwer, bildet den Konditionalsatz lieber mit ‚wenn‘ oder ‚falls‘.
= Wenn euch die V1-Stellung schwerfällt, bildet den Konditionalsatz lieber mit ‚wenn‘ oder ‚falls‘.
Konzessive Nebensätze beinhalten das Wörtchen auch, oft in Kombination mit doch im Hauptsatz. Sie sind eine elegante Alternative zu Nebensätzen mit obwohl oder wenn auch:
Kommen diese Nebensätze auch nicht oft vor, sollte man doch auf sie vorbereitet sein.
= Obwohl diese Nebensätze nicht oft vorkommen, sollte man auf sie vorbereitet sein.
Konfrontative Nebensätze kontrastieren zwei gegensätzliche Sachverhalte miteinander – entweder durch V1-Stellung oder durch die Konjunktionen während oder wohingegen:
Ist die Konjunktion ‚während‘ keine Seltenheit, sind konfrontative V1-Sätze im Deutschen rar.
= Während die Konjunktion ‚während‘ keine Seltenheit ist, sind konfrontative V1-Sätze im Deutschen rar.
V1-Stellung im Hauptsatz
Kommen wir zur V1-Stellung im Hauptsatz – und damit natürlich zum Imperativ. Bei Imperativen steht das Verb am Anfang:
Beginnt jeden Imperativ mit dem Verb!
Das Gleiche gilt für geschlossene Fragen (Ja/Nein-Fragen).
Wusstet ihr das schon längst?
Na gut, dann wird es jetzt ein bisschen komplexer:
Wenn einem Hauptsatz ein Nebensatz vorausgeht (wie in dem Satz, den ihr gerade lest), steht das Verb gleich zu Beginn dieses Hauptsatzes, also direkt nach dem Komma, das den Nebensatz abschließt.
Wäre das nur schon alles! Könnten wir doch das Thema damit beenden! Aber nein: Auch Exklamationen (Ausrufe) beginnen oft mit einem Verb. Bei großen Emotionen, ob Begeisterung oder Verzweiflung, kann es sich einfach nicht gedulden.
Auch in Anekdoten oder Witzen steht das Verb oft an erster Stelle – und markiert dadurch gewissermaßen das Genre:
Fragt der Deutschlehrer: „Wir betrachten den Satz:‚Es regnet‘ – wo steht das Verb?“ Antwortet ein Schüler: „Unter einem Schirm?“
Die meisten V1-Sätze begegnen uns in knappen Antworten, kurzen Feststellungen oder Kommentaren. Auf die Frage Möchtet ihr mehr über die V1-Stellung im deutschen Hauptsatz erfahren? Könntet ihr zum Beispiel erwidern:
Möchten wir! Oder auch: Muss nicht sein.
In der Linguistik bezeichnet man dies als eine uneigentliche V1-Stellung. „Eigentlich“ handelt es sich nämlich V2-Sätze – nur eben solche, in denen ein Satzteil nicht mitgeschrieben beziehungsweise mitgesprochen wird. Zur ersten Antwort gehört „eigentlich“ ein Akkusativobjekt (Das möchten wir!), zum zweiten ein Subjekt (Das muss nicht sein.). Bei der Sprachökonomie ist jedoch Vorsicht geboten: Auch in der mündlichen Sprache sind solche Auslassungen nur im Vorfeld, das heißt vor dem Verb möglich. Auf die Frage Könnt ihr euch für die V1-Stellung begeistern?, dürftet ihr also nicht antworten: *„Ja, wir können!“ – richtig wäre „Ja, können wir!“
Und? Könnt ihr euch für die V1-Stellung begeistern? Nein? Macht nichts. Doch, könnt ihr? Finde ich super!
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