Back-Exzesse
Tausendmal habe ich den Ofen verflucht, den sie vor drei Jahren bei uns eingebaut haben: ein billiger Gas-Ofen, in dem jeder Kuchen von unten verbrennt. Noch schlimmer ist es mit Plätzchen: Unten sind sie schwarz vor Ruß, oben blass und klebrig. Immerhin habe ich so die perfekte Ausrede, in der Weihnachtszeit nichts zu backen: Ich würde ja gerne – aber der Ofen…
Früher geriet mein weihnachtliches Plätzchen-Backen zur Obsession: Es begann harmlos mit Vanillekipferln. Na gut, ganz so harmlos waren auch die Vanillekipferl nicht, denn weil ich am liebsten allen Familienmitgliedern eine Dose davon schenken wollte, machte ich dreimal so viele wie im Rezept vorgesehen. Da man für Vanillekipferl nur Eigelbe verarbeitet, waren danach neun Eiweiße übrig. Wegwerfen wollte ich sie nicht – also machte ich Zimtsterne und Mandelmakronen daraus. Und je mehr ich buk, desto mehr Verwandte, Freunde, entfernte Bekannte fielen mir ein, denen ich unbedingt Plätzchen schenken musste. Nach zwei Tagen in der Küche saß ich entkräftet zwischen Bergen von Gebäck und war sicher: Das wird nie für alle reichen!
Wenn ich mir heute nach Weihnachtsgebäck zumute ist, kaufe ich einfach eine Packung Spekulatius. Die Süßwarenindustrie macht auch ganz leckere Sachen – und ich wurde wegen der ausbleibenden Plätzchen weder von meiner Familie verstoßen noch hat mir jemand deshalb die Freundschaft gekündigt. Wie entspannt die Weihnachtszeit ist, wenn der Ofen nicht funktioniert!
Von A wie Anis bis Z wie Zimt
Trotzdem gilt natürlich gerade in der Weihnachtszeit das alte Sprichwort: „Liebe geht durch den Magen!“ Deshalb bekennen die Deutschen ihre Liebe einander vorzugsweise per Lebkuchenherz. In dicker Zuckerschrift stehen auf den dunkelbraun glänzenden Herzen Kosewörter: „Süßer Spatz“, „Zauberfee“, „Engelchen“, „Mausi“, „Hasi“, „Kuschelbär“ – die Erotik des Christkindel-Marktes. Wem das zu viel des Guten ist, beschränkt sich darauf, mit dem Liebling eine Tasse Glühwein zu trinken.
Eines haben all die aufgezählten traditionellen Weihnachtsköstlichkeiten gemein: Sie sind reich gewürzt. Die Vanillekipferl werden, wie der Name schon sagt, in Vanille gewälzt. Zimtsterne und Mandelmakronen enthalten Zimt und Zitronenschale. Und bei Spekulatius, Lebkuchen und Glühwein wird’s richtig wild: Orange, Nelke, Anis, Ingwer, Muskat, Kardamom, Piment… Den Rest des Jahres gibt’s in Deutschland traditionell Salz und Pfeffer und damit Schluss. Woher plötzlich diese Begeisterung für Gewürze?
Der Wert der Gewürze
Um dies zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie kostbar Gewürze in früheren Zeiten waren. Im Mittelalter waren sie seltene Luxusgüter, Gold und Juwelen vergleichbar. Sie dienten als Medizin, als Parfüm, vor allem aber als Statussymbol. Könige und Händler beschenkten und imponierten einander damit. Speisen und Getränke ließen sie überreichlich würzen – nicht, weil sie’s mochten, sondern weil sie’s konnten.
Dass Gewürze ihren Wert auch in späteren Jahrhunderten behielten, zeigt sich darin, dass Kolonialmächte wie die Niederlande, Portugal, Frankreich und Spanien durch den Handel mit der begehrten Ware zu Reichtum gelangten – auf Kosten der Völker, die sie ausbeuteten und versklavten, um sich maximale Profite zu sichern.
Das Beste
Was das mit dem Weihnachtsgebäck zu tun hat? Ganz einfach: Gewürze waren lange etwas Besonderes, das selbst in wohlhabenden Haushalten nur zu feierlichen Anlässen zum Einsatz kam, dann aber in umso größeren Mengen – gemäß dem Motto: Zum Feste nur das Beste!
Im Weihnachtsstress unserer Tage ist das Beste oft freilich etwas anderes: ein Moment der Ruhe. Kein Gedanke an das überfüllte E-Mail-Postfach, an die überschrittene Abgabefrist, an das nächste Meeting und nein, auch nicht ans Plätzchenbacken, auch nicht an das verfluchte Plätzchenbacken! Deshalb trinke ich jetzt einen Glühwein auf meinen kaputten Ofen.
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photo: All on Board