Mythos Currywurst

Always wondered about the origins of currywurst? Find out more below in our German-language blog for German learners.

Food
29 Juli 2025  |  by Karl Kelschebach
Currywurst Berlin
Ein Bild von einem Teller Currywurst mit Timms Novelle „Die Erfindung der Currywurst“ und einem Aschenbecher.

Woher sie kommt, ist umstritten. Klar dagegen ist: In der Currywurst steckt ein Stück deutscher Identität.

Der Kult um die Currywurst

Woher stammt die Currywurst?

Aus Berlin! So sieht man das in Berlin.

Aus dem Ruhrgebiet! So sieht man das im Ruhrgebiet.

Aus Hamburg! So sieht das Uwe Timm, Autor der Novelle Die Entdeckung der Currywurst (1993). Was aber ist wahr? In einer so kniffligen Frage maßen wir uns kein Urteil an, wir geben nur bescheiden wieder, was wir gehört und gelesen haben.

Warum wir der Currywurst einen ganzen Artikel widmen? Weil sie mehr ist als bloß eine Wurst mit Tomatensauce und Currypulver. Sie ist ein Stück deutscher Identität, ein kulinarisches Zeugnis der Nachkriegszeit, sogar ein Quell künstlerischer Inspiration!

Die Currywurst zwischen literarischer Fiktion und historischer Wirklichkeit

Doch zurück zu der Frage nach ihrer Herkunft. „Die meisten bezweifeln, dass die Currywurst erfunden worden ist. Und dann noch von einer bestimmten Person? Ist das nicht wie mit Mythen, Märchen, Wandersagen, den Legenden, an denen nicht nur einer, sondern viele gearbeitet haben? […] Sind solche Speisen nicht kollektive Leistungen?“, fragt der Erzähler in Timms Novelle – um sodann klarzustellen: Nein, die Currywurst ist keine kollektive Leistung, sie ist die Leistung der gewitzten Hamburgerin Lena Brücker!

 Lena Brückers Geschichte handelt von einer Liebesaffäre mit einem deutschen Soldaten, der nicht mehr kämpfen mag, von windigen Schwarzmark-Geschäften, von Improvisationsgeschick, glücklichen Zufällen und einem kleinen Wunder. Eine Geschichte, die man glauben will. Der Hamburger Innensenator glaubte sie denn auch und ließ an dem Haus, in dem Timms Novelle spielt, eine Gedenktafel anbringen. Sie musste wieder abgenommen werden – Lena Brücker ist literarische Fiktion.

Herta Heuwer – und damit basta?

Eine andere Gedenktafel durfte hängen bleiben. Sie ziert in Berlin die Kantstraße 101, vor der Herta Heuwer ihre Imbissbude betrieb. Heuwer gilt als die wahre Erfinderin der Currywurst. Am regnerischen Nachmittag des 4. Septembers 1949 will sie ihre berühmte Curry-Sauce kreiert haben. Kann das stimmen? Meteorologischen Aufzeichnungen zufolge war der 4. September 1949 ein trockener Tag… Heuwer selbst ließ keine Zweifel an ihrer Darstellung gelten: „Ich habe das Patent – und damit basta. Wer etwas anderes behauptet, der hat einen Stich“, erklärte sie. Ein Patent hatte sie seit 1949 für die Gewürzsauce Chillup – nicht für die Idee, eine Wurst mit Tomatensauce und Currypulver zu servieren.

Wird die Currywurst bald 90?

Diese Idee hatte bereits 1936 der Duisburger Gastronom Peter Hildebrand, schreiben Tim Koch und Gregor Lauenburger in ihrem Buch Alles Currywurst – oder was? Die ganze Wahrheit über das Kultobjekt (2024). Die Nationalsozialisten hätten dem gebürtigen Niederländer Hildebrand den Vertrieb der Currywurst allerdings so schwer gemacht, dass sie sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg behaupten konnte. War die Currywurst das erste Opfer des Nationalsozialismus?

Im Ruhrgebiet findet diese These Anklang. Nachdem Berlin 2024 den 75. Geburtstag der Currywurst gefeiert hat, will Duisburg nächstes Jahr bereits ihren 90. begehen. Ob es einen Festakt mit Herbert Grönemeyer geben wird? Das Ruhrpott-Urgestein besang die Currywurst bereits 1982: „Gehse inne Stadt

Wat macht dich da satt?

‘Ne Currywurst!

Kommse vonne Schicht

Wat Schönret gibt et nich

als wie Currywurst!“

image: Karl Kelschebach

Der soziale Aufstieg der Currywurst

Herbert Grönemeyer feiert die Currywurst hier im Dialekt des Ruhrgebiets als Essen der einfachen Leute, die nach harter Arbeit etwas Sättigendes brauchen. Altkanzler Gerhard Schröder pries sie als „Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion“. Bis heute verzehren Politiker*innen gern öffentlich Currywürste, um sich besonders volksnah zu inszenieren. Kein Wahlkampf ohne Currywurst! Doch längst hat die Gastronomie den einstigen Imbissbuden-Star seines proletarischen Charmes beraubt. Auf der Plakatwerbung für sein Restaurant im Berliner Fernsehturm posiert Spitzenkoch Time Raue mit einer Currywurst. Der Werbe-Slogan dazu: „Berlins High Society steht auf gehobene Küche.“

High Society? Gehobene Küche? Da halten wir es eher mit Uwe Timm, der zur Currywurst festhält: „[M]an muss sie im Stehen essen, so zwischen Sonne und Regenschauer, zusammen mit einem Rentner, einem ausgeflippten Mädchen, einem nach Pisse stinkenden Penner, der einem seine Lebensgeschichte erzählt, einem King Lear, so steht man und hört die unglaubliche Geschichte, mit diesem Geschmack auf der Zunge, wie die Zeit damals war, aus der die Currywurst kam: Trümmer und Neubeginn, süßlichscharfe Anarchie.“

Besser kann man es nicht sagen. Und ob die Currywurst nun in Hamburg, Berlin oder Duisburg ihren Ursprung hat – das ist eigentlich Wurst.

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